Wie es zu dem Buch kam

Dieses Buch ist für mich selbst unerwartet entstanden, als ich Goethes „Italienische Reise“ mit besonderem Interesse für seinen Weg der Entdeckung der „Urpflanze“ las.

Mir fiel auf, dass er diese in Palermo noch als ganz konkrete Pflanze suchte – und nicht fand:
Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte.

Erst nach der Rückkehr ans Festland hat er einen Standortwechsel vollzogen aus der Welt des Gewordenen in die Welt der im Ätherischen wirkenden Urbilder:
Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben.

Zwischen beidem aber lag die sehr schicksalsträchtige Überfahrt, die ihn und alle Mitreisenden vor Capri fast das Leben gekostet hätte. Goethe ruft hier vor den Mitreisenden beherzt das Bild des Christus auf dem See Tiberias auf und gerät dann selbst im Bauch des Schiffes in einen Zustand des wachen Schlafens:
Ich legte mich halb betäubt auf meine Matratze, doch aber mit einer gewissen angenehmen Empfindung, die sich vom See Tiberias herzuschreiben schien; denn ganz deutlich schwebte mir das Bild aus Merians Kupferbibel vor Augen. Und so bewährt sich die Kraft aller sinnlich-sittlichen Eindrücke jedesmal am stärksten, wenn der Mensch ganz auf sich selbst zurückgewiesen ist.

So erschloss sich mir nach und nach, wie Goethe in der „Italienischen Reise“ das Wesentliche erst mitteilt, wenn die scheinbar zufällig aneinander gereihten (bzw. dem äußeren Reiseverlauf folgenden) Bilder aufeinander bezogen werden, so wie wir dies auch von den Evangelien kennen.
Es wird dann ein komplexes Einweihungsgeschehen in den Stufen der Imagination, Inspiration und Intuition sichtbar, das dem entspricht, was er im Faust als Gang zu den Müttern beschrieb.
Der Weg durch Sizilien zeigt dabei die Gesetzmäßigkeit von Planeten und Tierkreis auf.
Die ihn parallel zur Suche nach der Urpflanze beschäftigende Nausikaa-Bearbeitung erweist sich als die dazugehörige innerseelische Erkenntnisdramatik.

Goethe hat mit seiner Metamorphose der Pflanze die Frucht seines Ganges zu den Müttern, seiner Einweihung, öffentlich gemacht und zwar in einer Form, die von jedem, der dazu den Willen aufbringt, im anschauenden Denken nachvollzogen werden kann. Er hat damit einen ersten Keim für die Anthroposophie gelegt.
Die Urpflanze ist ein erster Vorläufer des zukünftigen ätherischen Schauens.
Genau ein Jahrhundert nach Goethes Italienischer Reise erschienen 1886 die Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, die vorbereiteten, was dann in der Philosophie der Freiheit zur Reife kam. Während Goethe geistig Erschautes so am Spiegel der Sinneserfahrung verdichtete, dass es zum offenbaren Geheimnis wurde – wobei der Geist gerade in der Art der Erkenntnistätigkeit, die zugleich Sinnestätigkeit ist, zu suchen ist – schloss Rudolf Steiner mit dem von Goethe gelieferten Schlüssel wiederum die Weiten des Kosmos auf.

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